Sextener Besinnungsweg (Südtirol)

Der gesamte Sextener Besinnungsweg in Südtirol ist von der topographischen - landschaftlichen Situation sehr reizvoll, weil er durch kleine Schluchten, idyllische Weiden, urige Wälder führt und überall Blumen und Gräser duften, Wasser plätschert, Kühe bimmeln und der Wind rauscht. Dazwischen stehen neue und uralte Bauernhäuser und Heustadel. Im Hintergrund kann man immer wieder das schroffe Felsgebilde der Sextener Dolomiten sehen mit Spitzen bis an die 3000m. Leise aus dem grünen Sexten-Tal hinauf - der Weg führt bis etwa 200m über dem Talgrund - hört man den Lärm der Zivilisation.
Das alles kann man leider nicht im Bild erfassen, aber man kann ein kleines Kopfkino erzeugen und die Sinne ansprechen, die für ein solches Szenario dem Menschen zur Verfügung stehen. Man kann einzelne Situationen fotografieren, aber in unseren Hinterköpfen sind die Düfte und Geräusche, die Tonspur dazu. Text und Fotos: Ingo v.Stillfried

Unten im Ort Sexten an der sehr belebten Hauptstraße folgen wir dem ersten Hinweisschild auf den Besinnungsweg und erreichen nach der zweiten Straßenbiegung einer Wohnstraße mit bunten Geranien und Petunien behangenen Häusern das Orientierungsschild für unseren Weg in den nächsten zwei Stunden.

Wir folgen dem ersten Wegeschild …

… und erreichen ein kleines Tälchen mit einem wildromantischen Bächlein, über das gerade frisch eine einfache Knüppelbrücke erreichte worden war.

Leicht ansteigend führt der Weg - von einem dichten Laubdach überwölbt und das Rauschen des Bächleins im Ohr - hinauf. Wir erreichen den ersten Besinnungspunkt mit dem leicht abgewandelten Text aus Psalm 23. Das Tal ist hier wirklich eine kleine „Schlucht“ und durch das dichte Blätterdach ist der Weg sehr gut von der Sonne geschützt. Insofern ist es etwas „dunkel“ hier und bei warmen Wetter auch erfrischend kühl.

Leicht ansteigend am frisch gemähten Wiesenhang, der würzige Duft von frischem Heu erfüllt unsere Nasen und unsere Augen hängen an dunkeln Schilfkolben, erreichen wir weiter auf demWeg gehend das erste Wegekreuz, welches für Bergregionen sich typisch geschmückt uns zeigt.

Der Fußweg mündet nun auf einen Fahrweg, der für das nächste Haus am Hang angelegt wurde. Unsere Sinne werden weiter gefüttert durch einen schön und sehr vielfältig angelegten kleinen Bauerngarten, in dem wir so vieles an Gemüse finden, was ich dieser Lage auf etwa 1500m wächst: Kartoffel, Kohl, Möhren, Succini, Zwiebeln, vielen Kräutern …

Alsbald erreichen wir die nächste Station, die mit „Lourdes-Kapelle“ bezeichnet ist. Neben dem klassischen Interieur von Kreuz, Mutter-Gottes-Statuette, Blumen und Dauerlicht mit Spitzendeckchen usw. ist an der Seite eine Holzschnitzerei angebracht mit dem Thema aus der Kreuzigungsgeschichte nach Joh 19,27.

Alsbald wird der Weg etwas steiler, unser Herz klopfte etwas schneller, unser Atem tiefer und die Schritte kürzer. Langsam setzen wir Fuß vor Fuß. Wir spüren uns. Da taucht am Wegesrand ein Heustadl, nein, eine größere Heuscheune auf und irgendwo - für uns unsichtbar - stehen die Kühe dazu, denn das läuten der Kuhglocken erfüllt unsre Ohren.

Das nächste Wegekreuz ist erreicht. Ja - hier oben etwa 200m über der Talsohle, hier oben auf steilen Wiesen zwischen Kühen und Wäldern, ja, hier oben ist es wirklich friedlich. Der Lärm der Zivilisation ist weit weg und nur noch irgendwo leise zu hören.

Kurz danach tauchen wir in einen kleinen Wald am Steilhang des Ausserberg, so heißt dieser Abschnitt, ein und werden gebannt durch seinen fast Urwald ähnlichen Charakter mit umgefallenen, moosbewachsenen Bäumen, Farnen und dichtem Unterholz. Trotz fester Wanderschuhe werden nun unsere Fußsohlen gefordert: wir spüren die Wurzeln, die sich über den Weg ziehen, und die Steine und Felsen, die mit ihren harten Kanten in die Sohle drücken. Dieser Waldteil ist durch einen Sturm zerstört worden und soll auch so unberührt liegen bleiben. Die Natur soll hier sich selbst helfen, also ein Weg zu einem „renaturierten Urwald“.

Mittendrin taucht fast unvermittelt der nächste Besinnungspunkt auf. Beim Betrachten kommen uns ungewollt Bilder in den Kopf: so könnte die Natur ausgesehen haben, wild und ungezähmt, rau und chaotisch, bevor der Mensch sie für sich gebannt hat.

Wir kommen aus diesem Waldteil heraus, heraus aus dunklem Urwald und überqueren mit Hilfe eines Bretterweges eine kleine, feuchte Wiese am Hang, tauchen in warmen Sonnenstrahlen ein. Unmittelbar danach führt unser Weg wieder in einen kleinen, nun etwas lichteren Wald hinein und …

… stehen unvermittelt vor dem Besinnungspunkt „Garten Eden“. Eden? Wir haben den Duft von frischem Heu in der Nase gehabt, Kräuterduft und Blumenduft dazu. Wir haben das Rauschen von Bach und Bächlein gehört und das Bimmeln der Kuhglocken dazu. Wir haben grüne Wiesen und wilden Urwald gesehen und idyllische Scheunen dazu. Wir haben flache und steile Wege mit Wurzeln und Steinen mit unseren Fußsohlen erspürt und unser klopfendes Herz dazu. - Natürlich Eden, genau hier!!! Wir verweilen etwas.

Etwas, nur einen längeren Augenblick, denn einige Stationen liegen noch vor uns. Doch ziemlich unvermittelt stehen wir nach einer Wegebiegung vor einer größeren, flacheren Wiese und sehen gegenüber etwas, das wie eine Bank aussieht. Dort wollen wir eine Rast einlegen und uns an dem mitgenommenen Wasser aus der Flasche laben und vor allem ein wenig die warme Sonne genießen. Oh wie herrlich kann diese Welt sein!!!

Die Bank steht direkt neben dem nächsten Besinnungsort, der mit „Mühlsteine“ benannt ist und ein Zitat aus dem Markus-Evangelium 9,42 trägt. Welch schwere Last haben die Menschen, die diesen Ort gestaltet haben, auf sich genommen und diese schweren Mühlsteine hier hinauf geastet!?! Wir schließen die Augen und genießen mit Nase und Ohren, die Wärme der Sonnenstrahlen spüren wir auf der Haut. Das Klopfen des Herzens nimmt wieder einen ruhigeren Puls an und die Atemzüge werden wieder langsamer. Ganz tief ziehen wir alle Sinne an, strecken Arme und Beine, … wir sind noch nicht am Ende des Weges, an der Waldkapelle.

Und - direkt hinter der Bank tauchen wir erneut in einen wildromantischen Waldabschnitt ein, der sich auch als kleines Tal zeigt. Felsen, umgefallene Bäume, Moose, Farne, Wasserrauschen. Der Weg ist nun breiter, schon fast befahrbar und aufgrund des Regens der vergangenen Nacht noch recht feucht.

Wie passend ist da der nächste Besinnungsort „Wasserquelle“.

Nun ist es nur noch ein kurzes Stück bis zur Waldkapelle. Der feuchte Weg ist nun ein Fahrweg mit Pfützen. Der Weg ist fast horizontal, wir sind fast 300 Höhenmeter über dem Talboden. Unsere Schritte werden länger und entspannter. Kurz vor der Waldkapelle steht noch ein weiterer Besinnungsort, der - wie uns heute erstmalig begegnende Menschen sagten - mit „Last“ benannt ist…

… und ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium trägt.

Und dann sind wir schon da, an der Waldkapelle, an der Friedenskapelle. Auf einem kleinen Platz davor steht der „Friedensbaum“.

An der zugänglichen Außenwand der Friedenskapelle ist eine Holzschnitzerei zum Thema „Friedensgruß“.

Und steht hier urig, idyllisch, wildromantisch, mit ganz eigener Ausstrahlung die Waldkapelle oder auch Friedenskapelle. Eine Geschichtstafel erinnert an die sehr dunkle Zeit des Dolomitenkrieges und an den besonderen Augenblick an diesem Punkt. Hier begann die Wiederbesiedelung des Sextener Tals nach Beendigung des grausamen Dolomitenkrieges im 1.Weltkrieg. Damals ging die Front Italien / Österreich mitten durch das Tal und alle Menschen wurden dort evakuiert. Hier begann wieder das Leben in diesem Tal. Mit den Mitteln der Natur, mit den Mitteln des Waldes, mit den MItteln, die Gott dem Menschen zur Verfügung stellt, wurde diese inzwischen 100jährige Waldkapelle errichtet. Friedenskapelle wird sie auch genannt, weil hier die Menschen aus dem österreichischen Osttirol und dem italienischen Südtirol von staatswegen eigentlich verfeindet sein sollten, aber sie haben ihre gemeinsame Heimat über alles andere gestellt und die separierende, nur in geringer Entfernung befindliche Staatsgrenze ignoriert.

Nur noch zwei Orten steht ein Besuch aus. Aus dem wildromantischen Wald heraus kommen wir auf eine steile Wiese und sehen nun das Massiv der Sextener Rotwand vor uns. Gestern standen wir oben auf dem Gipfel, heute sehen wir diese Felsen eingebettet in schon fast liebliche grüne Wald- und Wiesenlandschaft. Tief sinken wir in die Wiese und den Wiesenboden ein. Eigentlich wäre es viel schöner, hier barfuß herüber zu laufen und das Gras und die Feuchte des Bodens direkt an der Fußsohle zu spüren.

Das christliche Wegekreuz direkt vor uns ist leider durch einen Windbruch stark beschädigt und nur noch die Schrifttafel steht einsam auf dem abgebrochenen Holzmast. Doch sie gibt uns den Hinweis auf den letzten Ort.

Bevor es wieder über einen anderen Weg auf den Abstieg ins Tal geht., führt der Weg noch einmal steil bergan, noch einmal klopft das Herz schneller, noch einmal öffnet sich der Mund zu tiefen Atemzügen. Noch einmal bewähren sich unsere festen Wanderschuhe und geben uns sicheren Halt auf rauhem Untergrund.

Dann erreichen wir den letzten Ort: hier liegen prähistorische Schalensteinen. Diese sind möglicherweise bis zu 5000 Jahre alt und lassen sich in vielen Regionen in Europa finden. Als mögliche Verwendung gibt es zwei Hypothesen: 1) Sie bilden eine Art Sonnenuhr für die Festlegung der vier wichtigsten Tage im Jahr (Sommer/Wintersonnenwende und Tag/Nachtgleichen). 2) Sie haben kultische Bedeutungen in der Weise, daß den Toten gedacht wurde ähnlich wie bei uns die Funktion des Fürbittenbaumes. Dafür würden die vielen „Schalen“ sprechen, die keine Zuordnung zu „Sonnenrichtungen“ ermöglichen. Ähnliche Steine befinden sich z.B. im Pitztal in Tirol. Hier ist jedoch die Verbindung von „heidnische Prähistorie“ und "urchristliche Integration“ nahezu belegt.

Die Andeutung einer Sonnenuhr mit den Sitzbalken an diesem Platz zeigt auf die vielen Bergspitzen der Sextener „Sonnenuhr“ mit dem Neuner-, Zehner-, Elfer-, Zwölfer- und Einserkofel. Was war das doch für ein schöner Weg. Eine kleine Rast mit labendem Wasser aus der Trinkflasche und einem stärkenden Müsliriegel bei wohltuend wärmenden Sonnenstrahlen legten wir ein und genossen diesen wunderschönen Ort. Was will man mehr. Man braucht nicht viel, nur einen Ort der Stille und Zeit für Besinnung.